Menschen Gesucht Kap. 2

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Ihre Geisterreise hatte Faquech sehr erschöpft. Sie brauchte einen Moment, um sich ihres Körpers wieder bewusst zu werden, und saß einfach nur da. Als sie endlich ihre Augen öffnete, spürte sie, dass ihr Lehrmeister bei ihr war, um sie zu stützen.

„Es hat ungewöhnlich lange gedauert“, sprach er sie an. „Ich habe schon angefangen, mir Sorgen zu machen.“

„Du hast mich gut vorbereitet. Die Geister haben mir gezeigt, was ich im Innersten bereits wusste. Ich bin hier nicht länger willkommen.“ Der alte Schamane blickte ernst in die offenen Züge seines Lehrlings.

„Die Ahnengeister haben dich abgelehnt? Dann ist das Ritual gescheitert?“

„Sie haben mich abgelehnt, doch habe ich mein Totem auch ohne sie gefunden.“ Queckech senkte den Blick, dann antwortete er traurig:

„Dann bist du nun also ein Schamane, aber ein Schamane ohne Stamm. Ich hatte gehofft, du könntest mich ersetzen, wenn die Zeit gekommen ist.“

„Der Stamm hat seine Entscheidung getroffen. Die Lebenden, als sie mich verbannten, und die Toten, als sie ihre Hilfe verweigerten. Und auch ich habe sie getroffen, als ich mich gegen sie stellte, um Boris zu schützen, auch wenn ich es damals noch tat, weil du mir die Verantwortung für den Menschen gegeben hattest.“

„Dann soll es so sein“, nickte der alte Schamane. „Wann werdet ihr aufbrechen?“

„In nächster Zeit. Auch wenn mich die meisten seit unserer Rückkehr wie eine Ausgestoßene behandeln, habe ich doch Freunde, von denen ich mich verabschieden möchte. Wenn ich meine Angelegenheiten geregelt habe, werden Boris und ich zu den anderen Menschen zurückkehren. Vielleicht wollen es die Geister, dass ich die Schamanin der Heimatlosen werde und bei ihnen lebe.

„Das wäre möglich“, pflichtete Queckech ihr bei. Dann reichte er ihr nachdenklich etwas Wasser und ein wenig Nahrung und wartete schweigend, bis sie sich gestärkt hatte.

„Wirst du deinen Kraftspender mitnehmen?“, begann er schließlich erneut ein Gespräch. Faqech zögerte kurz, dann nickte sie.

„Ja, das werde ich“, bestätigte sie unbestimmt.

„Dann werdet ihr ein zweites Schwein brauchen. Zwei Goblins, ein Mensch, dazu noch Gepäck und eine Walze für das Messergras; das ist auf Dauer einfach zu viel für ein Tier.“

„Ein zweites Reitschwein wäre nicht schlecht“, stimmte sie zu. „Aber wir werden nur zu zweit sein.“ In der einsetzenden Stille warf sie ihrem Lehrmeister einen verstohlenen Seitenblick zu.

„Ich verstehe. Vielleicht haben die Ahnen dich deswegen abgelehnt, da du keinen deines Volkes erwählt hast.“

„Ich bin dem Ritus gefolgt! Du hast selber gesagt, das Ritual würde umso besser funktionieren, je enger man sich jemandem verbunden fühlt. Und es hat zweifelsfrei sehr gut gewirkt.“ Ihre Worte zeugten von Trotz und Verlegenheit gleichermaßen, doch hoffte sie, Entschlossenheit auszustrahlen. Sie hatte Koschkin gar nicht in Erwägung gezogen, bis ihr klar wurde, dass sie sich mit niemandem in ihrem Stamm wirklich verbunden fühlte und er ihr daraufhin seine Hilfe anbot. Danach hatte sie sich gefragt, wieso sie nicht früher darauf gekommen war.

„Das hat es wohl“, stimmte ihr Lehrmeister zu. „Aber die Menschen sind so groß und plump und riechen komisch.“ Als er dies sagte, starrte Faqech ihn unverwandt an. „Sie haben auch viele gute Seiten“, ergänzte er schnell. „Aber ich finde sie einfach hässlich. Würde sich der Mensch nicht die Wangen schaben, sähe er in meinen Augen fast aus wie ein Bär.“

„Darauf kommt es nicht an“, bestimmte sie.

„Das ist eine sehr schamanische Einstellung“, pflichtete er ihr bedächtig bei.

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