Menschen Gesucht Kap. 1

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Der Pilot und  Astronaut, Kommandant Boris Iwanowitsch Koschkin, kniete im feuchten Gras. Nicht, dass sein Äußeres in irgendeiner Weise verriet, wer er war oder woher er stammte.

Nicht seine grobe Kleidung aus dickem Schweinsleder oder sein immer länger werdendes Haar, das ihm in wilden Strähnen ins Gesicht fiel. Nicht der primitive Speer, der neben ihm im Gras ruhte, und auch nicht sein Reitschwein, das im Schatten eines der Bäume auf ihn wartete. Einem unbedarften, unwissenden Beobachter zeigte sich kein Hinweis darauf, dass er nicht von dieser Welt stammte und ein Gestrandeter war.

Während er nun dort kniete, versuchte er seine Emotionen in den Griff zu bekommen und seine Gedanken zu beruhigen. Er hatte einfach ein letztes Mal hierhin zurückkommen müssen, bevor er seinem Hyperraumschiff endgültig den Rücken zukehren würde.

Nicht dass von seiner Sirius7 noch irgendetwas zu erkennen gewesen wäre. Ohne die Absturzschneise hätte er ihr Grab sicher nicht gefunden. Nur ein großer, länglicher Hügel aus sich immer noch setzender Erde deutete an, wo das Raumschiff nach seiner Bruchlandung zum Stillstand gekommen war.

Als er nach seiner Gefangenschaft an diesen Ort zurückgekehrt war, ragten noch vereinzelte Kristallspitzen aus der Erhebung. Doch während er die letzten Monate mit den Goblins gelebt hatte, musste der Kristall das Schiff weiter in die Tiefe gezogen haben.

Der ehemalige Kommandant der Sirius hatte den Erzählungen seiner Mannschaft einfach nicht glauben können, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Ein Kristallwesen, was sein Schiff angegriffen und zerstört hatte, war für ihn zunächst absolut unglaubwürdig.

Da seine Kameraden aber keinen Grund hatten, ihn zu belügen, akzeptierte er ihre Darstellung zunächst, ohne sie zu glauben. Doch als er selbst zurückgekehrt war, blieb ihm keine Wahl mehr.

Wie lange war das nun her, seit er und seine Crew von Pionieren der Raumfahrt zu Steinzeitmenschen abgestürzt waren? Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Ohne Computer und Kalender verschwamm sein Zeitgefühl zusehends.

„Ruhe in Frieden, meine Schöne“, verabschiedete er sich von seinem verschütteten Schiff und erhob sich. Bald würde er mit Faqech aufbrechen, um zu seinen eigenen Leuten zurückzukehren. Und dann würden sie gemeinsam weiterreisen, um andere Menschen zu suchen, die auf dieser Welt leben sollten.

Dass die bald frischgebackene Schamanin ihn begleitete, beruhigte Koschkin auf der einen Seite sehr. Das Goblinmädchen war so sehr Teil seines Lebens geworden, dass er sich nicht vorstellen konnte, wie es ohne sie wäre. Ohne sie hätte er hier gar nicht so lange durchgehalten und wäre schon etliche Male gestorben. Er hatte damals schon eine tiefe Loyalität für das zierliche Wesen empfunden, als er sie noch für einen Jungen hielt.

Im Nachhinein betrachtet war es für ihn jedoch nicht so verwunderlich. Weibliche Goblins schienen erst richtige Brüste zu entwickeln, wenn sie das erste Mal schwanger wurden. Zuvor waren sie so flachbusig, wie jeder andere männliche Goblin. Hinzu kam, dass sie einen machtvollen heilenden Gegenstand unter ihrem Lendenschurz versteckt hatte, den er bei ihrem ersten Zusammentreffen für männliche Genitalien gehalten hatte.

Dass er sich in diesem Punkt so grundlegend geirrt hatte, irritierte ihn noch eine ganze Weile, nachdem er eines Besseren belehrt worden war. Doch hatte er bis vorgestern seine Unsicherheit als überwunden betrachtet.

Seine wiedergekehrte Verwirrung war der zweite Grund, warum er hier alleine stand und nicht in ihrer Begleitung. Er brauchte etwas Zeit für sich, um seine Gedanken zu ordnen.

Seit sie sich erneut von seiner Crew getrennt hatten, damit Fang, wie er die Goblinin nannte, ihre Ausbildung zum Schamanen bei ihrem Lehrmeister Queckech abschließen konnte. Dabei hatte er sie nach Kräften unterstützt,  beschützt, wenn es nötig war, und ihr dabei geholfen, die seltsamsten Komponenten für ihre Rituale zu suchen. Also generell, ihr ein guter Kamerad und Freund zu sein.

Als sie ihm an diesem schicksalhaften Abend vor zwei Tagen gestand, dass sie vermutlich nicht genügend Kraft sammeln könnte, um die vor ihr liegende Aufgabe zu bestehen, bot Koschkin ihr sofort seine Hilfe an. Faqech hatte ihn daraufhin wieder einmal so seltsam angeschaut, bevor sie ihm erklärte, dass er ihr tatsächlich helfen könnte, wenn er ein Ritual mit ihr vollziehen würde.

Ein Ritual, von wegen! Fang hatte ihn gevögelt, als würde es kein Morgen geben. Und er hatte es zugelassen. Nein, das war falsch. Nicht zugelassen, euphorisch mitgemacht, wäre ein besserer Ausdruck dafür.

Dabei hatte es so harmlos angefangen, bevor es in einer Form eskalierte, die Koschkin zuvor noch nie erlebt hatte. Nicht einmal Ashley war so wild gewesen.

Als Fang am nächsten Tag zu ihrer letzten Prüfung aufbrach und sich dafür bedankte, dass er ihr seine Kraft gegeben hatte, konnte er sich kaum rühren und war alleine in der kleinen Höhle zurückgeblieben, die ihm die Goblins am Rande ihrer Siedlung zugewiesen hatten.

Er hatte bis zum heutigen Vormittag benötigt, um halbwegs wieder zu Kräften zu kommen. Nachdem er sich gewaschen und etwas gegessen hatte, besuchte er den Schamanen, um sich nach Fang zu erkundigen.

Koschkin verstand mittlerweile einige Brocken der quäkigen Sprache der Goblins, doch reichte dies nicht, um eine längere Unterhaltung zu führen. Der alte Schamane machte ihm jedoch verständlich, dass Fang ihre Aufgabe noch nicht abgeschlossen hatte, sodass der Russe beschloss, alleine und ein letztes Mal zu seinem Schiff aufzubrechen, um sich zu verabschieden.

Und nun war er hier, alleine mit seinen Gedanken.

Ich sollte zurückkehren, beschloss er schließlich und wandte sich ab. Doch als er sich seinem Reitschwein näherte, sauste ein kleines leuchtendes Objekt auf ihn zu und zwitscherte ganz aufgeregt dabei.

„Was ist das schon wieder?“, stieß er überrascht aus und versuchte, dem Geschoss auszuweichen. Seine Bemühungen waren jedoch erfolglos. Wie eine zielsuchende Rakete hatte sich das Ding auf ihn ausgerichtet und blieb weiter auf Kurs. Kurz bevor es in ihn einschlagen konnte, drehte es abrupt ab und begann seinen Kopf in wilden Kreisen zu umrunden. Dabei zwitscherte es ununterbrochen.

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