Land der Astronauten Kap. 1

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Kommandant Boris Iwanowitsch Koschkin löste sein Ohr von der Tür, an der er bis gerade gelauscht hatte, und flüsterte:

„Die Späher hatten recht. Hinter dieser Tür befinden sich tatsächlich Leute. Vermutlich ist das hier wirklich der Zugang zur Festung der Küstenjäger, von denen die Amazone gesprochen hat.“

„Ja, das sehe ich auch so“, erwiderte die zierliche Goblinschamanin wispernd neben ihm, dabei immer noch am Holz horchend. „Und was schlägst du jetzt vor?“

Koschkin dachte nach. Er hatte sich bisher nicht wirklich damit auseinander gesetzt, wie die Amazonen reagieren würden, deren verletzte Botin sie in einem alten Tunnel in der Nähe der unterirdischen Goblinstadt gefunden hatten. Eben dieser Tunnel hatte sie schließlich auch hierher geführt.

„Weiß ich auch nicht genau“, sagte er dann „Die Küstenjäger rechnen nicht mit uns, sondern mit Amazonen vom Clan der Klippenläufer. Schwer zu sagen, wie sie darauf reagieren, wenn sie mitbekommen, dass wir vor diesem geheimen Eingang zu ihrer Festung stehen.“

„Sie brauchen Hilfe, das steht fest. Ihre Schwester hat es selbst gesagt.“

„Holen wir sie doch. Soll sie sich mit ihren Clankameradinnen auseinandersetzen und ihnen erklären, warum sie uns hierher geführt hat.

„Als ob das nötig gewesen wäre.“ Fangs Blick war leicht anklagend bei ihren geflüsterten Worten. „Seit du wusstest, dass die Späher in dem Tunnel diese Tür gefunden hatten, warst du doch kaum noch zu halten.“

„Ja-ja, wie auch immer“, grummelte der Russe. „Holen wir die Amazone nach vorne. Wenn ihre Schwestern unsere Hilfe nicht haben wollen, dann gehen wir eben wieder.“

Fang grinste nun und löste sich ebenfalls von dem Portal. „Einverstanden. Machen wir es so.“ Anschließend flüsterte sie einem Ork einige Worte ihrer Muttersprache zu, die Boris weiterhin mehr schlecht als recht beherrschte. Kurz darauf näherte sich eine dunkelblonde Amazone mit Kopfverband und geschientem Arm den beiden ungleichen Anführen ihrer Gruppe.

Außer ihm und Faqech befanden sich noch je zwei Dutzend Orks und Goblins in ihrem Gefolge, ebenso wie knapp viermal so viele Männer, die aus Amazonendörfern stammten, und ein paar Amazonenkriegerinnen. Allesamt waren sie mit Speeren, Knüppeln oder Säbeln ausgestattet und boten im Fackelschein durchaus einen bedrohlichen Anblick für einen Außenstehenden.

Mit diesem Aufgebot hatten sie knapp ein Drittel der kampferprobten Leute bei sich, die noch zur Verteidigung ihres Hauptlagers in den Küstenhöhlen zurückgeblieben waren. Der Rest ihrer Streiter begleitete entweder Tilsegs Mission, mit den Clans zu verhandeln, oder suchte mit Ronja nach Ashley Bender.

„Na gut, dann mal los.“

Koschkin klopfte und gab dann der Amazone ein Zeichen, dass sie sprechen sollte. Die unterschwelligen Geräusche hinter der Tür erstarben schlagartig. Dafür erklang nach kurzem Zögern eine Frauenstimme dumpf durch das Holz. Die Amazone in ihrer Begleitung antwortete aufgeregt. Alsbald hörte man einen Riegel scharren, dann noch einen. Schließlich klackte noch ein Schloss, bevor die Tür endlich aufgerissen wurde.

Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, in einer Rüstung, die ihr offensichtlich viel zu groß war, stand nun in dem düsteren Durchgang. Der freudige Ausdruck auf ihren Zügen veränderte sich schlagartig, als sie die vielen Gestalten bei ihrer Clankameradin bemerkte und registrierte, dass es sich bei den Bewaffneten keinesfalls um Amazonenkriegerinnen handeln konnte.

Ein Aufschrei des Entsetzens und schon bemühte sich die Frau panisch, die eben geöffnete Tür wieder zuzuschlagen. Doch Boris hielt sie auf, während gleichzeitig die Botin weiter auf ihre Clanschwester einredete. Währenddessen war irgendwo weiter hinten anschwellender Lärm zu vernehmen, der von nichts Gutem kündete.

Auch die junge Kriegerin hatte es bemerkt und schien nun endgültig den Kopf zu verlieren. So schnell sie konnte wirbelte sie herum und rannte von der Tür fort, die sie gerade noch verteidigen wollte.

Die verletzte Amazone ihrerseits wandte sich nun wieder an Faqech und redete mit ihr. Koschkin hatte keinen Plan, was die Frau erzählte, doch schließlich nickte die Schamanin, antwortete mit einigen Brocken Westländisch und gab dann Befehle in dieser und ihrer eigenen Sprache. Gleichzeitig zog sie Boris weiter in den Raum hinter der Tür.

„Wir scheinen gerade noch rechtzeitig zu kommen“, erklärte sie ihm, während sie ihn vorwärts drängte. „Offenbar wird die Burg immer noch angegriffen. Das, was du da vorne hörst, sind wohl die Eindringlinge.“

Das reichte dem Russen als Orientierung. Eilig setzte er sich an die Spitze seiner nachdrängenden Leute und stürmte vor. Während er durch den Raum rannte, bemerkte er die vielen Menschen, die hier kauerten. Frauen und Kinder, aber zu seiner größten Verwunderung auch Männer. Viel Zeit sich darüber Gedanken zu machen hatte er indes nicht.

„Sorg dafür, dass sich die Zivilisten in den Tunnel zurückziehen“, brüllte er Fang über die Schultern zu. „Sicher ist sicher!“ Dann kam auch schon der Kampfschauplatz in Sicht.

Im Halbdunkel des Gewölbekellers drang Licht durch eine eingeschlagene Türöffnung. Haarige Gestallten verdunkelten immer wieder kurz den Lichteinfall, wenn sie rücksichtslos in die Verteidiger sprangen, die schon einige der Kreaturen niedergestreckt hatten, aber langsam immer mehr selbst in Bedrängnis gerieten. Der Strom an Angreifern quoll beständig und mit Macht in den Raum, ohne auf das eigene Leben Rücksicht zu nehmen. Lange konnten die Amazonen ihre Position nicht mehr halten.

Koschkin war einer der Ersten, die im Geschehen eintrafen. Über die Schulter einer Kämpferin hinweg stach er beherzt zu und spießte einen der drei Gegner, die gerade die Frau bedrängten, einfach auf. Der Schmerzenslaut, den die Kreatur dabei von sich gab, war markerschütternd, fast als wäre es der Schrei eines Kindes, das gerade massakriert wurde.

Doch zum Schaudern blieb keine Zeit. Kraftvoll zog Boris seinen Speer zurück, nur um ihn sofort erneut vorschnellen zu lassen.

Die Amazone, überrascht von der plötzlichen Hilfe, entsetzt von dem, was vor sich ging, und regelrecht schockiert, dass es ein Mann war, der ihr beistand, taumelte zurück, als sie ein Klauenhieb erwischte.

„Nicht glotzen! Kämpfen!“ Boris schloss die Lücke, während er weiter auf alles einstach, was kreischend auf ihn zustürmte.

Die meisten der Verteidigerinnen reagierten auf ähnliche Weise wie Koschkins Amazone. Eine versuchte sogar, einen herbeieilenden Ork zu attackieren. Doch ihr Schreck währte kurz, als den Frauen aufging, dass er und die anderen auf ihrer Seite waren.

„Verrammelt den Durchgang“, brüllte Koschkin immer wieder, bis Fang seinen Befehl endlich übersetzte und einige Männer begannen, jedwedes Gerümpel, was sie in die Finger bekamen, den Angreifern entgegen zu schleudern.

Es gelang. Nach und nach schlossen sie auf diese Weise das Tor, bis der Berg aus Möbeln, Leichen und anderen Dingen ausreichte, um ihnen eine Verschnaufpause zu gönnen.

Koschkin brummte etwas Unflätiges und wischte sich mit Blut vermischten Schweiß aus dem Gesicht. Für den Moment hatten sie gewonnen und den unbekannten Feind der Amazonen aufgehalten. „Kannst du rauskriegen, was hier zum Geier noch mal los ist? Von diesen Viechern hat niemand was gesagt, als es um die Hilfe ging.“

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