Absturz unter Drachenfeuer Kap. 2

1. Hiriko

Hiriko hatte die Vorkammer der Außenschleuse erreicht und legte routiniert ihren Raumanzug an. Sie spürte ein Kribbeln in ihrem Nacken und in ihrem Bauch. Zeichen ihrer inneren Aufregung wie sie wusste. Von außen betrachtet aber, war sie die Ruhe in Person. Ein letztes Mal überprüfte sie ihren Anzug und meldete dann ihre Bereitschaft, das Schiff zu verlassen.

Als Koschkin grünes Licht gab, stieg sie in die Schleuse und verschloss sie hinter sich. Einige Sekunden lang konnte sie noch das Zischen der Luft durch ihre Außenmikrofone wahrnehmen, bevor das entstehende Vakuum jegliche Schallübertragung unmöglich machte. Nur das Rauschen ihres Blutes hörte sie nun. Und ihren eigenen Herzschlag. Dann öffnete sie die Außentür der Schleuse.

Das waren die Momente, weshalb sie überhaupt die Erde verlassen hatte. Mit einem Raumschiff durch die Weiten des Alls zu gleiten, war etwas gänzlich anderes, als wirklich da draußen zu sein, nur durch dünnen Stoff vor dem tödlichen Vakuum geschützt. Geschickt hakte sie eines der Sicherheitsseile an ihrem Anzug ein, bevor sie sich abstieß und mithilfe ihrer Anzugdüsen auf die Alienkonstruktion zusteuerte.

Gekonnt korrigierte sie ihre Flugrichtung, indem sie ihre Steuerdüsen in kurzen Intervallen zündete. Ihr Atem ging schnell und ihr Herz hämmerte wild, als sie ihre Magnetstiefel aktivierte. Bei einem Raumschiff der Erde bestand die Hülle aus einer Metall-Keramik Legierung, an denen die Stiefel hafteten. Hiriko hielt den Atem an. Ob die Außenhaut des fremden Raumkörpers ähnliche Eigenschaften…sanft setzte sie auf.

„Gelandet“, presste sie hervor. Dann zwang sie sich weiter zu atmen. Sie zitterte leicht, als sie probeweise einen Schritt machte. Sie konnte es kaum glauben, aber sie stand wirklich auf einem fremden Raumschiff. „Gut“, meldete sich Kommandant Koschkin aus ihrem Mutterschiff. „Du kannst weitermachen. Das Objekt zeigt keine Aktivität. Such nach einer Einstiegsmöglichkeit und melde dich dann wieder.“

„Verstanden“, erwiderte sie knapp und schaute sich um. Sorgfältig überprüfte sie Stück für Stück die Hülle, auf der sie stand, und hielt nach verräterischen Anzeichen eines Einstiegs Ausschau. Gelegentlich blieb sie stehen, um eine Naht oder Unebenheit in der Oberfläche genauer zu überprüfen. Die Hülle schien aus großen, gegossenen Elementen zu bestehen, die mit Schweißnähten zusammengefügt worden waren. Schließlich bemerkte sie am Rand einer der herausragenden Aufbauten Fugen und funkte die Sirius an.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden“, meldete sie. „Unterhalb der …“ sie stockte kurz. Wie sollte sie diese Aufbauten benennen? „Am Fuß der Antennen scheint es eine Art Wartungsluke zu geben“, sagte sie schließlich.

„Verstanden“, antwortete Boris. „Versuch, sie zu öffnen.“

Hiriko tastete die Umrisse der Platte ab, bis sie zwei Vertiefungen fand. Mit vollem Körpereinsatz zerrte sie an dem Hüllenfragment. Der Schweiß brach ihr aus, als sich die Platte gegen ihre Kraftanstrengung zur Wehr setzte. Mit einem Ruck löste sich die widerborstige Platte und gab die darunterliegenden Elemente frei.

Hiriko wurde vom plötzlichen Nachgeben dermaßen überrascht, dass sie ihr Gleichgewicht verlor und das frisch gelöste Hülsensegment in die Unendlichkeit des Alls schleuderte. Ohne ihre Stiefel wäre sie ihr wahrscheinlich gefolgt. So aber setzte nur ihr Hinterteil, durch ihre eigene Massenträgheit angetrieben, auf die Außenhülle auf.

Unzufrieden mit sich selbst richtete sie sich wieder auf und untersuchte die Öffnung, die sie freigelegt hatte. Neben einigen technischen Einbauten, erkannte sie drei seltsam geformte Hebel, deren Funktion ihr schleierhaft blieb.

„Ich könnte hier etwas Hilfe gebrauchen“, sagte sie und beschrieb Boris ihre Beobachtungen, so detailliert sie konnte. Aber bevor sie ihren Bericht abgeschlossen hatte, unterbrach der Kommandant sie grob.

„Lass die Luke und komm zurück.“ Seine Stimme klang verzerrt in ihrem Helmlautsprecher. Trotzdem bemerkte sie, wie angespannt er auf einmal war.

„Was ist los?“, fragte sie.

„Die Platte, die du eben gelöst hast, ist in Richtung der Anomalie getrieben. Keine zwanzig Meter von deiner Position entfernt, hat irgendetwas sie dermaßen zusammengepresst, dass sie von unseren Sensoren nicht mehr erfasst werden kann.“

Hiriko schaute sich um, konnte aber nichts entdecken. „Meinst du, ich bin hier in Gefahr?“, fragte sie unsicher.

„Keine Ahnung“, kam seine Antwort. „Aber diese Station scheint sich extrem nah an der Anomalie zu befinden. Sven hat in der Zwischenzeit meine Hypothese bestätigt, weswegen ich möglichst bald so viel Raum, wie es nur geht, zwischen uns und diesem Ding bringen möchte.

„Gib mir noch etwas Zeit“, bat sie. „Ich will diese einmalige Gelegenheit nicht verschwenden“

„Nein. Das dauert zu lange“, antwortete Boris eisern. „Niete eine Öse an das Teil und koppel dein Sicherheitsseil an. Dann kehrst du zu uns zurück. Wir schleppen den Sender einfach mit uns mit, bis wir einen guten Sicherheitsabstand zu der Anomalie haben. Dann können wir sie in aller Ruhe untersuchen.“

„Auch gut“, lenkte sie ein und setzte seinen Plan in die Tat um.

Eine Öse zu nieten und ihr Seil darin zu verankern, war einfach, auch wenn sie sich ein bisschen mulmig fühlte, als sie an dem Seil entlang zum Schiff zurückkehrte. Ganz ohne feste Sicherung war es dann doch zu viel Nervenkitzel, um es zu genießen.

Endlich erreichte sie die Schleuse und atmete erleichtert aus. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie die letzten Meter die Luft angehalten hatte. Wieder huschte ein kleines Lächeln über ihre Gesichtszüge. Sie schloss das äußere Schott und wartete, bis sich die Schleuse mit Atemluft füllte.

Dabei spürte sie die Vibrationen der Triebwerke, die ihre Arbeit aufnahmen. Der Kommandant schien es wirklich eilig zu haben, von hier wegzukommen. Nachdem sie die Schleuse verlassen und begonnen hatte, sich aus ihrem Raumanzug zu schälen, kam eine Durchsage von Boris über das Intercom:

„An alle: In zehn Minuten treffen wir uns in der Messe für eine Lagebesprechung.“

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