Absturz unter Drachenfeuer Kap. 1

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Sein Sichtfeld kehrte langsam zurück. Sterne funkelten vor seinen graubraunen Augen, wie kleine Supernovaen. Stöhnend richtete sich der leicht untersetzte Mann in seinem Pilotensessel auf und versuchte sich zu orientieren. Erfolglos befahl er dem Blechorchester in seinem Schädel, die dort dröhnende Kakofonie zu beenden, während er sich mühsam blinzelnd umblickte.

Flackernde Lichtquadrate schimmerten ihm entgegen, eingebettet in einer Wand kantiger Gebilde, durchsetzt mit bunten Lichtpunkten. Das ergab keinen Sinn, stellte er fest. Er rieb sich die Augen, um die inneren und äußeren Lichterscheinungen besser voneinander trennen zu können, dann fokussierte er seinen Blick erneut. Bildschirme mit Kolonnen von Zahlen und Buchstaben trafen seine Netzhaut, ohne ihm etwas mitzuteilen. Dass sie ihm etwas sagen sollten, wusste der Mann intuitiv. Nur was, erschloss sich ihm nicht.

Geistesabwesend strich er sich durch sein kurz geschnittenes braunes Haar und löste blinzelnd seine Aufmerksamkeit von den Monitoren. Träge schweifte sein Blick durch den Raum. Jede Augenbewegung fühlte sich an, als stachen ihm kleine Speere von der Innenseite seines Kopfes aus in die Iris. Während er Schalter- und Knopfreihen in der glatten Oberfläche vor ihm bemerkte, traf ihn ein akustischer Hammer, der ihn aufstöhnen ließ. Zu dem Pochen und Hämmern in seinem Inneren gesellten sich unvermittelt unerträglich schrille Piepgeräusche. Der Lärm war sinnberaubend, reduzierte sich aber schnell wieder, wie Koschkin erleichtert feststellte.

„Koschkin?“, lallte er undeutlich. War er das etwa? Er schloss seine schmerzenden Augen erneut, als seine Erinnerungen zurück in sein Bewusstsein sickerten. Er hieß Boris Koschkin. Das wurde ihm jetzt wieder klar.

Er war Kommandant eines Aufklärungsschiffes. Ein experimentelles Raumschiff mit außergewöhnlichen Antriebsaggregaten. Sein Schiff hieß Sirius7 und seine Aufgabe war es, den neuartigen Hyperraumantrieb für Langstreckensprünge zu testen, um mit den gesammelten Daten zur Erde zurückzukehren. Seine Erinnerungen kamen nun immer schneller zurück. Er hatte gewusst, was passieren würde. Während der Trainingseinheiten auf der Erde und später in der Mondbasis hatte man es ihnen immer wieder eingebläut. Reisen durch den Hyperraum stellten seltsame Dinge mit dem menschlichen Hirn an. Selbst in der schützenden Hyperraumblase seines Schiffs waren sie nicht hundertprozentig abgeschirmt. Ohnmachtsanfälle mit temporärem Gedächtnisverlust waren dabei noch eine der harmloseren Auswirkungen. Die ersten Hyperraumreisenden waren ausnahmslos völlig wahnsinnig geworden.

Sein Blackout hatte ihn trotzdem kalt erwischt. Und mit der anschließenden Desorientiertheit und den Schmerzen in diesen Ausmaßen hatte er auch nicht gerechnet.

So etwas war bei den Kurzstreckentests nie passiert. Seine Verwirrung wurde zunehmend durch die Erinnerungen zurückgedrängt und die pulsierenden Schmerzen ließen langsam nach. Ein paar Mal atmete er tief ein und öffnete dann wieder seine Augen. Sein Blickfeld war nun soweit klar, dass er sich den Instrumenten und Anzeigen vor sich widmen konnte. Dieses Mal erfasste sein Verstand auch den Sinn der Anzeigen auf den Monitoren. Zunächst checkte er die Schiffssysteme und stellte erleichtert fest, dass alle Maschinen innerhalb normaler Parameter arbeiteten. Nur das Biogensystem des Schiffes war noch dabei wieder hochzufahren.

„Gut“, schnaufte Koschkin, drehte sich dann aber abrupt um. Die Anwesenheit seiner Kopilotin Tanaka war ihm erst in diesem Moment wieder eingefallen.

„Hiriko?“, fragte er besorgt. Die zierliche Japanerin war schweißüberströmt und zitterte leicht. Trotzdem lächelte sie ihn schwach an und nickte ihm zu.

„Funkstation klar“, meldete sie leise und knapp. Obwohl sie Kommunikations- und Sprachwissenschaftlerin war, zeigte sie sich wie immer sehr wortkarg, ging es Koschkin durch den, immer noch pochenden, Kopf. Er schaltete das Intercom ein, als weitere Erinnerungen seine Aufmerksamkeit auf andere Details richteten.

„Koschkin an Mannschaft“, brummte er in sein Mikrofon. „Ich erwarte eure Klarmeldungen.“

Bender meldete sich fast augenblicklich, ganz so, als habe sie nur auf seine Aufforderung gewartet.

„Alles klar, Katerchen? Geiler Ritt“, kam ihre süffisante Stimme aus dem Lautsprecher. Boris verzog sein kantiges Gesicht, aber erwiderte nichts auf ihre Spitze. Er kannte sie lange genug, um zu merken, dass sie mit ihrer Frechheit nur die Nachwirkungen des Hypersprungs zu überdecken versuchte. So wie er mussten auch alle anderen an Bord diese Nebenwirkungen ihres Sprungs noch spüren. Auch so wäre eine Zurechtweisung vergebens gewesen, erinnerte er sich. Die blonde Amerikanerin war nicht der Typ Mensch, der auf Zurechtweisungen reagierte. Eher hätte er sie damit angestachelt, noch frecher zu werden. Außerdem kannte sie ihren Wert als ausgezeichnete Mechanikerin für die Mission, was sich deutlich auf ihr Benehmen auswirkte. Ihr Fachwissen wollte er nicht missen, doch ihr loses Mundwerk war eine ganz andere Sache. Schon während der Vorbereitung für die Mission, hatte er immer wieder dem Drang widerstehen müssen, sie zu packen und ihr den Mund gehörig mit Seife auszuwaschen.

„Astrogation soweit klar“, erklang der tiefe Bass von Sven Eriksons Stimme aus der Bordanlage und riss den Russen aus seiner gedanklichen Abschweifung. „Ich muss aber noch einige Daten auswerten, die im Moment noch keinen Sinn ergeben. Melde mich dann wieder.“ Noch bevor Koschkin auf die Meldung des Norwegers reagieren konnte, kam schon die nächste Meldung über das Intercom.

„Melde, alles ruhig auf der Krankenstation. Die Biozeichen der Mannschaft sind stabil. Keine besonderen Vorkommnisse.“ Dann schaltete der Bordarzt, Doktor Segschneider wieder ab. Koschkin lehnte sich zurück. Seine Mannschaft war offensichtlich wohlauf und hatte den unerwarteten Übertrittsschock gut verkraftet. Der Kommandant lächelte in sich hinein, ignorierte seine Kopfschmerzen und wendete sich wieder seinen Instrumenten zu. Überflog die Anzeigen und betätigte erneut das Intercom.

„Doc, überprüfen Sie bitte die Biotanks. Das Biogensystem ist immer noch offline. Ashley, wie sieht es mit den Sprungtriebwerken aus? Wann sind sie wieder einsatzbereit? Sven, was ist das Problem mit den Daten? Sind wir an der richtigen Stelle herausgekommen?“ Langsam komme ich wieder in Schwung, dachte Koschkin und lächelte leicht, als Erikson sich wieder meldete.

„Wir sind mit 66 % Sicherheit nicht an den richtigen Koordinaten herausgekommen. Außerdem zeigen die Bugsensoren eine Anomalie an, die ich nicht erklären kann. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, wir rasen auf ein Schwarzes Loch zu. Aber die Gravitationssensoren zeigen nichts an.“

„Was meinst du?“, unterbrach Boris ihn ungläubig. Routiniert nahm er einige Einstellungen an seinen Apparaturen vor, wodurch die Außenbordkameras im Bug auf seinem Schirm erschienen. Voraus erkannte Koschkin nichts. Das verwirrte ihn zutiefst. Eigentlich sollte sich vor seinen Augen ein Panoramabild der inneren Milchstraße auftun, doch der Bildschirm blieb schwarz. Kein einziger Stern war zu erkennen. Sven meldete sich wieder.

„Es ist so, Kommandant, eigentlich müssten wir diverse Strahlungswerte erfassen können, wie sie von den Sensoren aus allen anderen Richtungen auch registriert werden. Nur voraus ist anscheinend nichts. Keine Strahlung irgendeiner Art, die wir erfassen könnten“, Erikson machte eine Pause. Da Koschkin auf seine Ausführung nicht reagierte, sprach er weiter.

„Normalerweise wäre das ein Anzeichen für ein Schwarzes Loch. Aber es fehlen die Verzerrungsfelder und Gravitation ist auch nicht festzustellen. Trotzdem scheint uns irgendetwas anzuziehen.“

„Was?“, erwiderte Boris. Mit einem Blick überprüfte er die Geschwindigkeitswerte des Schiffes. Tatsächlich ließ sich eine Beschleunigung feststellen, die nichts mit den Triebwerken zu tun hatte. Er achtete nicht weiter auf die Ausführungen seines Astrogators, sondern aktivierte die Steuerdüsen. Mit ihnen sollte sich genügend Gegenschub erzeugen lassen, um das Schiff abzubremsen. Zuerst gab er nur ein wenig Schub. Als nichts geschah, erhöhte er die Leistung schrittweise, bis die Aggregate mit voller Leistung arbeiteten und ihre Vibrationen im ganzen Schiff zu spüren waren.

„Bist du noch ganz dicht?“, ertönte die Stimme von Ashley aus dem Intercom, begleitet vom Röhren der Maschinen. „Wenn du noch mehr Schub gibst, verabschieden sich die Steuerdüsen endgültig. Wenn du in die andere Richtung willst, dann wende den Kahn einfach. Echt mal, wo hast du denn deinen Pilotenschein gemacht, Katzenmann?“ Boris fluchte, musste aber einsehen, dass seine Technikerin Recht hatte. Er drosselte die Maschinen und richtete sie neu aus, um das Schiff zu wenden. Erstaunt musste er jedoch feststellen, dass ihm das Schiff nicht gehorchen wollte. Genau in diesem Moment meldete sich Dr. Segschneider bei ihm.

„Das Biogel ist beschädigt. Die einzelnen Zellen, für sich genommen, scheinen den Sprung gut überstanden zu haben. Aber die Vernetzungen zwischen ihnen haben sich fast vollständig aufgelöst. Ich werde einige Testreihen durchführen. Erst dann kann ich mehr sagen.“

„Machen Sie das, Doktor“, quittierte Boris knapp, bemüht seine Befürchtungen nicht zu zeigen. Wenn das Biogensystem nicht mehr zu retten war, würde die Berechnung des Rücksprungs zur Erde wenigstens 48 Mal mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Aber was noch schwerwiegender war, ohne den Biogencomputer war das Gefahrenrisiko um einiges höher, dass ihr Schiff beim Wiedereintritt mit anderen Flugkörpern kollidieren würde. Oder noch schlimmer, inmitten von Materie, wie die Erde oder der Mond, in den Normalraum zurückkehren könnte. Ob das den anderen Mannschaften auch passiert war, die nie mehr zur Erde zurückgekehrt waren? Sven unterbrach seine Gedanken erneut.

„Sir, ich habe einige Neuigkeiten. Nach Auswertung der zu erfassenden Konstellationen bin ich mir nun sicher, dass wir tatsächlich nicht an den von uns errechneten Koordinaten angekommen sind. Die Abweichung beträgt etwas mehr als 22 Lichtjahre oder, um genau zu sein…“

„Komm zum Punkt!“, unterbrach Koschkin ihn grob.

„Selbst, wenn ich die Daten der anderen Flüge großzügig auslege…“, fuhr der Astrogator nach kurzem Zögern fort, „…hätte die Abweichung von unseren Zielkoordinaten maximal etwas mehr als ein einhundertstel Lichtjahr betragen dürfen. Ich vermute, dass die Fehlerquelle die Anomalie vor uns ist. Dass es sich dabei um ein Schwarzes Loch handelt, kann ich nach den mir vorliegenden Daten allerdings ausschließen. Eine alternative Erklärung für das Phänomen habe ich momentan aber noch nicht. Dafür habe ich aber etwas entdeckt. Voraus gibt es Anzeichen von Energiestrahlung. Ich bin mir zwar nicht hundert Prozent sicher, dass sie sehr schwach ist, aber ich denke, dass diese Strahlung nicht natürlichen Ursprungs ist. Wenn meine Messwerte stimmen“, ergänzte der Norweger nun aufgeregt, „haben wir damit zufällig den Beweis gefunden, dass es tatsächlich anderes, intelligentes Leben, außer den Menschen, in der Milchstraße gibt.“

Koschkin schwieg. Er konnte sich noch eine weitere Möglichkeit vorstellen. Vielleicht hatten sie auch eine der anderen Siriusschiffe gefunden, die verschollen waren. Dass sie das siebte Hyperraumschiff der Erde waren, die sich so weit in die Tiefe des Alls begeben hatten, wusste nur er. Alle vorangegangenen Missionen waren streng geheim gewesen. Genau wie die, auf der sie sich gerade befanden. Kacke, dachte Koschkin.

„Gut“, entgegnete er laut. „Bestimme die Position der Energiesignale und leite sie an Hiriko weiter, damit sie sie anpeilen kann. Dann sehen wir weiter.“ Dann wechselte er den Kanal und funkte den Maschinenraum an. „Ashley, was ist jetzt mit dem Hyperantrieb?“

„Hetz mich nicht!“, kam die prompte Antwort. „Der Hyperraumantrieb ist immer noch am auslaufen. Mein Gott, dieses Maschinchen faltet Raum und Zeit wie ein Origamimeister. Das geht nicht so schnell.“

„Ashley“, mahnte Boris grollend. Sie schnaufte genervt.

„Wenn du unbedingt sofort eine Einschätzung haben willst, bitte sehr. Aber beschwere dich nachher nicht.“

„Ashley“, unterbrach er sie erneut. Dabei legte er allen aufkeimenden Ärger in ihren Namen.

Wieder ein Schnaufen, dann ein tiefes Durchatmen von der anderen Seite.

„Also gut“, begann sie gedehnt. „Vorausgesetzt, dass alle Komponenten unbeschädigt geblieben sind, wird der Antrieb in etwa einer Dreiviertelstunde wieder soweit heruntergefahren sein, dass wir mit dem Neuaufladen beginnen könnten. Einsatzbereit würde er dann etwa zwanzig Minuten später sein. Dann müssten die Maschinen die nötige Energiedichte erreicht haben, die wir für einen Sprung bis zur Erde benötigten. Ich rate aber von diesem Vorgehen ab. Ich empfehle, dass wir die Maschine erst abschalten und durchprüfen, bevor wir den Antrieb wieder hochfahren. Ist schließlich kein Katzensprung, den wir gemacht haben“, sie lachte schallend über ihr eigenes Wortspiel, während Boris keine Miene verzog. „Scherz beiseite“, fügte sie ernster hinzu. „Das sind alles nur Schätzungen, schließlich hat die Maschine noch nie einen so weiten Sprung gemacht. Ich gehe hier von den Daten der Simulationen, den Labortestreihen und unseren Erfahrungen bei den Testsprüngen aus. Wir sollten den Antrieb gründlich durchleuchten, bevor wir uns wieder auf die Reise machen.“

„Gut, dann klär bitte solange, warum die Steuerdüsen nicht ordnungsgemäß funktionieren.“

„Natürlich funktionieren die!“, kam die empörte Antwort postwendend. „Und das, obwohl du sie eben noch misshandelt hast. Wie ein grobmotorischer Grobian.“ Nun platzte Boris doch der Kragen.

„Wahren Sie die Form, Bender, und folgen Sie meinen Anweisungen!“, schnauzte er in sein Mikrofon. „Das Schiff lässt sich durch die Düsen nicht steuern. Irgendetwas ist nicht in Ordnung.“

„Ich steh drauf, wenn du grob wirst“, entgegnete sie in provozierendem Ton. „Ich will mal sehen, was Sache ist.“ Boris seufzte und verzichtete auf eine Erwiderung. Er vermied es auch, seine Kopilotin anzusehen. Er konnte sich gut vorstellen, wie ihre dunklen Augen amüsiert funkelten, während sie diese Unterhaltung mithörte. Sie war die Einzige der Mannschaft, die wusste warum Koschkin sich das Verhalten von Ashley wirklich gefallen ließ.

Hiriko sagte nichts und schien sich auf ihre eigenen Aufgaben zu konzentrieren. Aber das schüchterne Lächeln, welches ihre dünnen Lippen nur sehr selten umspielte, hatte Boris‘ Gedankengänge bestätigt, auch wenn er das Funkeln ihrer Augen von der Seite nicht hatte sehen können. Doch bevor sich das zaghafte Lächeln noch in ein echtes Grinsen verwandeln konnte, verschwand es wieder aus ihren Zügen und wich konzentriertem Ernst, als sie Boris ansprach. „Kommandant, wir empfangen Funksignale. Ich kann sie nicht entschlüsseln und sie sind ziemlich schwach, aber es sind definitiv Funksignale.“ Boris‘ Stimme bebte nur unmerklich, als er erwiderte:

„Versuch die Verschlüsselungscodes aus der Deltadatenbank.“

„Keine Übereinstimmung“, meldete die Japanerin nur Sekunden später. „Ich glaube, dass die Signale gar nicht verschlüsselt sind. Vielmehr scheinen unsere Geräte einfach nicht die richtige Frequenz zu besitzen. Ich werde das einmal testen.“ Hiriko machte sich fieberhaft an die Arbeit. Boris blieb hingegen keine Zeit, die ständig eingehenden Informationen zu überdenken, denn der Schiffsarzt meldete sich wieder per Intercom.

„Schlechte Nachrichten, Boris“, sagte er. „Das Biogensystem wird erst einmal offline bleiben. Die Selbstvernetzung des Gels hat zwar bereits wieder eingesetzt, aber es wird Tage dauern, bis das System wieder genügend Verknüpfungen aufweist, um eingesetzt werden zu können. Ob die Reorganisation des Gels die Funktionsfähigkeit beeinflussen wird, kann ich noch nicht sagen.“, Koschkin stöhnte. Tonlos bestätigte er:

„Danke, Doktor. Halten Sie mich auf dem Laufenden.“

Gäbe es nicht diese seltsame Anomalie, wären die ganzen Probleme mit seinem Schiff halb so wild. Er vertraute den Fähigkeiten seiner Mannschaft und war sich sicher, dass sie mit genügend Zeit alles in den Griff bekommen würden. Wenn sie nicht geradewegs in diesem ominösen Phänomen stürzen würden.

„Sven, kann uns die Anomalie gefährlich werden? Was meinst du?“

„Schwer zu sagen, Kommandant. Da sie mit nichts, was wir kennen, vergleichbar ist und unsere Geräte sie nur indirekt erfassen können, kann ich keine fundierte Aussage treffen. Momentan sind wir, meiner Meinung nach, aber nicht in direkter Gefahr.“

„Danke“, sagte Boris und wendete sich wieder seinen Instrumenten zu. Im Moment konnte er nur abwarten. Darum beschloss er, die bisherigen Ergebnisse der Blackbox hinzuzufügen. Die Blackbox war eigentlich ein altertümliches Relikt. In den vergangenen Jahrhunderten hatte jeder Flugkörper ein solches Aufzeichnungsgerät an Bord gehabt, wusste der Russe. Damals waren es noch einfache Datensicherungssysteme gewesen, die eine Auswertung der Flugdaten nach Abstürzen ermöglichten.

Diese Aufgabe erfüllten heute andere Notfallsysteme, so wie auch in der Sirius. Koschkins Blackbox war nicht nur ein Speichermedium für Flugdaten. Er war ein Minisupercomputer mit der neusten Sicherheitstechnik. Der nur fünfzehn Zentimeter große Würfel war in mattem Schwarz gehalten. Seine Oberfläche reflektierte rein gar nichts und er war mit keiner technischen Methode aufzuspüren, die die Menschheit kannte. Koschkin wusste nur, dass sich die Blackbox nur dann zu erkennen gab, wenn man das Sicherheitsprofil des Würfels kannte und den richtigen Code auf der richtigen Frequenz sendete. Oder wenn man Koschkin war. Dafür hatte er zwei Tage in einem Hochsicherheitskrankenhaus zugebracht, damit die Wissenschaftler den Würfel auf ihn eichen konnten. Er startete das Zugangsprogramm, in dem er auf eine ganz bestimmte Weise atmete und den Würfel dabei in der Hand hielt. Auf seinem Monitor erschien die Meldung:

Sicherheitsverbindung online…..

Hallo Kommandant Koschkin…..

Bereit für Eingabe…..

Die Verbindung stand. Koschkin legte die gesammelten Sprungdaten als Datensatz ab und sprach einen kurzen Bericht der bisherigen Geschehnisse, die er dem Datensatz hinzufügte. Die gesammelten Daten von Sven und Hiriko speicherte er ebenfalls.

Nachdem er die Aktivierungsroutine wiederholt hatte und die Blackbox wieder offline war, wartete er. Ashley meldete sich kurze Zeit später und erklärte, dass die Steuerdüsen alle ordnungsgemäß arbeiten würden. Was ihn nicht beruhigen konnte. Ein weiterer Versuch, das Schiff zu wenden und die Haupttriebwerke einzusetzen, blieb wieder ohne Erfolg. Koschkin spürte, wie Frustration in ihm aufstieg. Fast war es so, als hielt eine eiserne Faust sein Schiff fest in der Umklammerung.

„Hiriko, was macht das Signal?“, fragte er seine Kopilotin, um sich abzulenken.

„Es ist immer noch da“, gab sie zurück. „Ich habe unsere Frequenz so angepasst, dass sie im Ultraschallbereich liegt. Dadurch ist es mir gelungen, das Signal aufzufangen. Ich kann es immer noch nicht verstehen, doch scheint es sich um ein automatisches Signal zu handeln. Die Sendeintervalle wiederholen sich etwa alle zwei Minuten. Ich denke, dass wir tatsächlich auf Aliens oder wenigstens auf ihre Technologie gestoßen sind.“

„Vielleicht hat das, was die Signale aussendet, ja etwas mit unseren Steuerproblemen zu tun“, entgegnete Koschkin nachdenklich. „Reicht die Länge der Intervalle aus, um die Übersetzungsautomatik einzusetzen?“ Hiriko schüttelte den Kopf.

„Zu wenig Informationen für die Automatik“, erläuterte sie knapp. In dem Moment meldete sich Sven über Intercom.

„Kommandant“, erklang seine Stimme aufgeregt, „ich habe ein Objekt erfasst, von dem die Energie und die Funksignale ausgehen. Haben Sie Ihren Schirm auf die Bugkameras geschaltet? Das Objekt befindet sich noch etwa neunhunderttausend Kilometer vor uns, sollte mit maximaler Vergrößerung aber bereits erkennbar sein. Von der Größe her, glaube ich, dass es sich nicht um ein Schiff oder eine Station handelt, wohl eher eine Art Funkboje.“

Während Sven noch redete, schaltete Boris zurück auf die Kamerasicht und vergrößerte den Ausschnitt nach den Angaben, die Sven ihm auf sein Display geschickt hatte. Dann sah er es. Ein rundes Gebilde, das zwei längliche Auswüchse auf entgegengesetzten Seiten aufwies. Koschkin musste unwillkürlich an einen Apfel denken, durch den jemand einen ungespitzten Bleistift getrieben hatte. Die Instrumente zeigten ihm, dass die Kugel nicht mehr als zehn Meter im Durchmesser maß, während die beiden Auswüchse etwa 30 Meter in den Raum hinausragten. Boris schätzte, dass die Auswüchse selbst nicht dicker als eineinhalb Meter waren.

„Hast du dich wieder eingekriegt?“, quäkte Ashleys Stimme aus der Intercom-Anlage. „Ich wollte nur Bescheid geben, dass der Hyperantrieb in ein paar Minuten so weit wäre, dass er wieder aufgeladen werden kann. Das Restfeld hat sich fast völlig aufgelöst und die Maschinen sind nun kühl genug.“

„Gut, mach das“, entgegnete er abwesend.

„Außerdem wäre es fantastisch, wenn du mal sagen würdest, was eigentlich los ist“, hakte sie nach. Erst jetzt erinnerte sich Boris daran, dass die bisherige Kommunikation im Schiff natürlich nicht von allen mitverfolgt werden konnte. Er schaltete das Intercom auf schiffweite Durchsage und umriss in knappen Worten die bisherige Lage. Gerade als er geendet hatte, ging ein kurzer Ruck durch das Schiff. Boris war sofort alarmiert. Er checkte seine Anzeigen, konnte aber keinen Grund für den Schlag feststellen. Doch dann spürte er die leichten Vibrationen. Da hatte er einen Geistesblitz. Was wäre, wenn… Er schaltete zurück zu Ashley.

„Hast du gerade irgendetwas aktiviert?“, fragte er fiebrig.

„Klar, mein Dicker“, gab sie zurück. „Wie mein Miezekätzchen gewünscht hat, habe ich damit begonnen, den Hyperraumantrieb wieder zu laden, damit wir…“

„Abbrechen!“, schrie Boris so laut in sein Mikrofon, dass sich seine Stimme zu überschlagen drohte. „Sofort abbrechen!“

„Was denn nun? Kannst du dich mal…“ Wieder fuhr er ihr ins Wort:

„Fahr das Ding sofort wieder runter und spar dir deine Kommentare! Das ist ein Befehl.“

Das Intercom schwieg und die Vibrationen erstarben Sekunden später.

„Erledigt“, meldete sich Ashley knapp. An ihrer Stimme merkte Boris, dass sie beleidigt war. Damit konnte er sich im Moment aber nicht beschäftigen.

„Wenn das Hyperfeld wieder vollständig abgebaut ist, sag Bescheid“, befahl er und wandte sich an Sven. „Gib mir das Bewegungsprofil des Schiffes seit unserem Wiedereintritt auf den Schirm und halte dich bereit“ Einige Sekunden später erschienen ein Graph und einige Zahlenkolonnen auf seinem Schirm. „Ashley, gib mir die Betriebs- und Felddaten des Hyperraumantriebs seit unserem Sprung und warte auf neue Anweisungen.“

Anstelle einer weiteren schnippischen Bemerkung erschienen kurze Zeit später auch ihre Daten auf seinem Display. Er synchronisierte die beiden Datensätze und studierte sie eine Weile. Dann sah er seinen Verdacht bestätigt. Mit einigen Handbewegungen sendete er die synchronisierten Daten an Sven zurück und schaltete per Intercom wieder zu ihm durch.

„Überprüf die Daten, die ich dir gerade geschickt habe, und sag mir, was du denkst.“ Dann wechselte er wieder zum Maschinenraum. „Was macht das Hyperraumfeld?“

„Fast aufgelöst“, erwiderte Ashley frostig. „Wenn es vollständig zerfallen ist, erhalten Sie eine Meldung. Wie Sie befohlen haben.“

„Was hast du entdeckt?“, wollte Hiriko wissen.

„Ich denke, ich weiß jetzt, was uns festgehalten und auf die Anomalie zugezogen hat“, erwiderte Boris nachdenklich. „Unser eigenes Hyperraumfeld scheint in Wechselwirkung mit der Anomalie zu treten. Wenn Sven mit seinen Berechnungen soweit ist, werden wir mehr wissen. Oberflächlich bestätigen die Daten von Sven und Ashley meine Vermutung. Wenn das Feld wieder vollständig abgebaut ist, werde ich noch einmal versuchen, das Schiff mit den Steuerdüsen zu manövrieren. Wenn es gelingt, können wir uns fürs Erste um diese Alienstation und ihr Signal kümmern. Ich hoffe, dass Sven uns sagen kann, wie weit wir uns von der Anomalie entfernen müssen, um nicht mehr mit ihr in Wechselwirkung zu geraten.“

„Hyperfeld aufgelöst“, meldete Ashley in diesem Moment und Boris begann ohne weitere Erklärung mit seinem Versuch, die Flugrichtung des Schiffes zu verändern. Zu seiner großen Freude reagierte der Flugkörper dieses Mal auf die Steuerdüsen und änderte seine Flugbahn. Boris bremste das Schiff und steuerte es näher an die fremde Funkstation, die störrisch immer wieder die gleiche Signalfolge sendete. Als sie sich auf etwa einhundert Meter angenähert hatten, brachte er das Schiff auf eine parallele Flugbahn und passte ihre Geschwindigkeit der kleinen Station an. Boris vergrößerte das Bild des Gebildes auf seinem Monitor und betrachtete es.

„Es scheint keine Schleuse oder etwas in der Art zu geben“, stellte er fest. „Wenn wir uns die Raumboje genauer ansehen wollen, muss einer von uns hinüber. Was meinst du Hiriko? Lust auf einen kleinen Ausflug?“ Hiriko nickte und löste ihren Gurt, der sie bisher auf ihrem Sitz fixiert hatte.

„Bin schon auf dem Weg“, sagte sie, stieß sich ab und schwebte zur Cockpitschleuse. Boris machte eine weitere Schiffsdurchsage, um seine Mannschaft auf den neusten Stand zu bringen. Dann schloss er die Augen und wartete.

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