Absturz unter Drachenfeuer Kap. 1

1. Boris

Sein Sichtfeld kehrte langsam zurück. Sterne funkelten vor seinen Augen wie kleine Supernoven. Stöhnend richtete sich der etwas untersetzte Mann in seinem Pilotensessel auf und versuchte, seine Sinneseindrücke einzuordnen. Erfolglos befahl er dem Blechorchester in seinem Schädel, die Kakofonie zu beenden. Mühsam blinzelnd, blickte er sich um.

Flackernde Lichtquadrate, eingebettet in einer Wand kantiger Gebilde, durchsetzt mit bunten Lichtpunkten. Das ergab keinen Sinn, stellte er fest. Er rieb sich die Augen, um die inneren und äußeren Lichterscheinungen besser voneinander trennen zu können, dann fokussierte er seinen Blick erneut. Die Lichtquadrate waren Bildschirme mit Kolonnen von Zahlen und Buchstaben, doch blieben sie ohne Sinn für ihn. Dass sie ihm etwas sagen sollten, wusste der Mann intuitiv. Nur was, erschloss sich ihm nicht.

Geistesabwesend löste er seine Aufmerksamkeit von den Monitoren. Träge schweifte sein Blick durch den Raum. Jede Augenbewegung fühlte sich an, als stachen ihm kleine Speere von der Innenseite seines Kopfes in die Iris. Er bemerkte Schalter- und Knopfreihen überall in der glatten Oberflächen um ihn herum, als ihn ein akustischer Hammer traf, dessen Wucht ihn aufstöhnen ließ. Ein unerträglich schrilles Piepgeräusch, das sich zu dem Pochen und Hämmern in seinem Inneren gesellt hatte, raubte ihm einige Augenblicke das bisschen Verstand, was sich in ihm gesammelt hatte. Doch der Lärm von außen endete so schnell, wie er über ihm hineingebrochen war. Koschkin seufzte erleichtert.

„Koschkin?“, lallte er. War er das etwa? Er schloss seine schmerzenden Augen erneut, als seine Erinnerungen zurück in sein Bewusstsein sickerten. Ja. Er war Boris Koschkin.

Er war Kommandant eines experimentellen Raumschiffes mit außergewöhnlichen Antriebsaggregaten. Sein Schiff hieß Sirius7 und seine Aufgabe war es, den neuartigen Hyperraumantrieb für Langstreckensprünge zu testen, um mit den gesammelten Daten zur Erde zurückzukehren. Seine Erinnerungen kamen nun immer schneller.

Er hatte gewusst, was passieren würde. Während der Trainingseinheiten auf der Erde und später in der Mondbasis hatte man es ihnen immer wieder eingebläut. Reisen durch den Hyperraum stellten seltsame Dinge mit dem menschlichen Hirn an. Selbst in der schützenden Hyperraumblase seines Schiffs waren sie nicht hundertprozentig abgeschirmt. Ohnmachtsanfälle mit temporärem Gedächtnisverlust waren noch eine der harmloseren Auswirkungen. Die ersten Hyperraumreisenden waren ausnahmslos wahnsinnig geworden.

Sein Blackout hatte ihn trotzdem kalt erwischt. Und mit der anschließenden Desorientiertheit und den Schmerzen dieses Ausmaßes hatte er auch nicht gerechnet. Das war bei den Kurzstreckentests nie passiert.

Seine Verwirrung wurde zunehmend durch die Erinnerungen zurückgedrängt und die pulsierenden Schmerzen ließen langsam nach. Ein paar Mal atmete er tief und öffnete dann wieder seine Augen.

Dieses Mal erfasste sein Verstand auch den Sinn der Anzeigen auf den Monitoren. Die Schiffssysteme arbeiteten innerhalb normaler Parameter. Nur das Biogensystem des Schiffes war noch mit einem Neustart beschäftigt. Sein Hirn reichte derweil neue Erinnerungen an sein Bewusstsein weiter. Abrupt drehte er sich um.

„Hiriko?“, fragte er besorgt.

Seiner Kopilotin, eine zierliche Japanerin, war schweißüberströmt und zitterte. Trotzdem lächelte sie ihn schwach an. „Funkstation klar“, meldete sie leise.

„Gut“, antwortete Koschkin, dem seine restliche Crew nun ebenfalls einfiel. Einen Moment lang suchte er die richtige Taste, dann schaltete er das Intercom ein.

„Koschkin an Mannschaft“, brummte er in sein Mikrofon. „Ich erwarte eure Klarmeldungen.“

Ashley Bender meldete sich augenblicklich, fast als habe sie nur auf seine Aufforderung gewartet: „Alles klar, Katerchen? Geiler Ritt“, kam ihre süffisante Stimme aus dem Lautsprecher.

Boris verzog das Gesicht, aber erwiderte nichts auf ihre Spitze. Er kannte sie lange genug, um zu merken, dass sie mit ihrer Frechheit nur die Nachwirkungen des Hypersprungs zu überdecken versuchte.

„Astrogation soweit klar“, erklang Sven Eriksons Stimme als nächstes aus den Lautsprechern. „Ich muss aber noch einige Daten auswerten, die im Moment keinen Sinn ergeben. Melde mich dann wieder bei ihnen, Kommandant.“

Noch bevor Koschkin auf den Norwegers reagieren konnte, kam schon die nächste Meldung über das Intercom:

„Alles ruhig auf der Krankenstation. Die Biozeichen der Mannschaft sind stabil. Keine besonderen Vorkommnisse.“ Das war sein Bordarzt Doktor Segschneider.

Koschkin lehnte sich zurück. Seine Mannschaft war offensichtlich wohlauf und hatte den unerwarteten Übertrittsschock gut verkraftet. Er lächelte, ignorierte seine Kopfschmerzen und wandte sich wieder den Anzeigen zu. Dann betätigte er erneut das Intercom.

„Doc, überprüfen Sie bitte die Biotanks. Das Biogensystem ist immer noch offline. Ashley, wie sieht es mit den Sprungtriebwerken aus? Wann sind sie wieder einsatzbereit? Sven, was ist das Problem mit den Daten? Sind wir an der richtigen Stelle herausgekommen?“ Langsam komme ich wieder in Schwung, dachte Koschkin und lächelte, als Erikson sich wieder meldete.

„Kommandant, die Bugsensoren zeigen eine Anomalie an, die ich nicht erklären kann.“

„Was meinst du mit Anomalie?“, entgegnete Boris alarmiert. „Etwas genauer bitte.“

„Naja“, sagte der Astrogator unsicher. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, wir rasen auf ein Schwarzes Loch zu. Aber die Gravitationssensoren zeigen nichts an.“

„Ein Schwarzes Loch sollte es in der Raumregion nicht geben“, sagte Koschkin und nahm Routiniert einige Einstellungen an seinen Apparaturen vor. Die Bildsignale der Außenbordkameras im Bug erschienen auf seinem Schirm.

„Ja, das ist schon richtig“, erklärte Sven weiter. „Wir sind mit sechsundsechzigprozentiger Sicherheit nicht an den richtigen Koordinaten herausgekommen, Kommandant.“

Die Bildübertragung voraus zeigte Koschkin nichts. Garnichts! Das verwirrte ihn zutiefst. Eigentlich sollte sich vor seinen Augen ein Panoramabild der inneren Milchstraße auftun, doch der Bildschirm blieb schwarz. Kein einziger Stern war zu erkennen. Sven meldete sich wieder:

„Wir müssten voraus diverse Strahlungswerte erfassen können, Sir. So wie sie von den Sensoren aus allen anderen Richtungen auch registriert werden. Nur messen die Geräte nichts. Keine Strahlung irgendeiner Art, die wir erfassen könnten. Normalerweise wäre das ein Anzeichen für ein Schwarzes Loch, aber es fehlen die Verzerrungsfelder und Gravitation ist auch nicht festzustellen. Trotzdem scheint uns irgendetwas anzuziehen.“

„Was?“, erwiderte Boris.

Mit einem Blick überprüfte er die Geschwindigkeitswerte des Schiffes. Tatsächlich ließ sich eine Beschleunigung feststellen, die nichts mit den Triebwerken zu tun hatte. Er achtete nicht weiter auf die Ausführungen seines Astrogators, sondern aktivierte die Steuerdüsen.

Mit ihnen sollte sich genügend Gegenschub erzeugen lassen. Zuerst gab er nur ein wenig Schub. Als der nichts bewirkte, erhöhte er die Leistung schrittweise, bis die Aggregate mit voller Kapazität arbeiteten und ihre Vibrationen im ganzen Schiff zu spüren waren. Warnmeldungen ploppten in seinem Bildschirm auf und die Stimme von Ashley ertönte aus dem Intercom:

„Bist du noch ganz dicht?“, brüllte die Ingenieurin, bemüht das Röhren der Maschinen zu übertönen. „Wenn du noch länger Vollschub gibst, verabschieden sich die Steuerdüsen endgültig. Wenn du in die andere Richtung willst, dann wende den Kahn einfach. Echt mal, wo hast du denn deinen Pilotenschein gemacht?“

Boris fluchte, musste aber einsehen, dass seine Technikerin recht hatte. Er drosselte die Maschinen und richtete sie neu aus, um das Schiff zu wenden. Erstaunt musste er jedoch feststellen, dass ihm das Schiff nicht gehorchen wollte. Genau in diesem Moment meldete sich Dr. Segschneider bei ihm:

„Das Biogel ist beschädigt. Die einzelnen Zellen, für sich genommen, scheinen den Sprung gut überstanden zu haben. Aber die Vernetzungen zwischen ihnen haben sich fast zur Gänze aufgelöst. Ich werde einige Testreihen durchführen. Erst dann kann ich mehr sagen.“

„Machen Sie das, Doktor“, quittierte Boris knapp, bemüht, seine Befürchtungen nicht zu zeigen. Wenn das Biogensystem nicht mehr zu retten war, würde die Berechnung des Rücksprungs zur Erde deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Aber was noch schwerwiegender war: Ohne den Biogencomputer war das Gefahrenrisiko um einiges höher, dass ihr Schiff beim Wiedereintritt mit anderen Flugkörpern kollidieren würde, oder noch schlimmer, inmitten von Materie, wie die Erde oder der Mond, in den Normalraum zurückkehren könnte. Ob das den anderen Mannschaften auch passiert war, die nie mehr zur Erde zurückgekehrt waren? Sven unterbrach seine Gedanken erneut:

„Sir, nach Auswertung der zu erfassenden Konstellationen, bin ich mir nun sicher, dass wir tatsächlich nicht an den von uns errechneten Koordinaten angekommen sind. Die Abweichung beträgt etwas mehr als zweiundzwanzig Lichtjahre oder, um genau zu sein …“

„Komm zum Punkt!“, unterbrach Koschkin ihn grob.

Sein Astrogator verstummte kurz. Dann setzte er neu an: „Selbst, wenn ich die Daten der anderen Flüge großzügig auslege, hätte die Abweichung von unseren Zielkoordinaten maximal etwas mehr als ein einhundertstel Lichtjahr betragen dürfen. Ich vermute, dass die Fehlerquelle die Anomalie vor uns ist. Dass es sich dabei um ein Schwarzes Loch handelt, kann ich nach den mir vorliegenden Daten allerdings ausschließen.“

„Und was ist es dann?“, fragte Boris ungeduldig.

„Eine alternative Erklärung für das Phänomen habe ich momentan noch nicht, Kommandant. Dafür habe ich aber etwas entdeckt. Voraus gibt es doch Anzeichen von Energiestrahlung. Ich bin mir nicht hundert Prozent sicher, da sie sehr schwach ist, aber ich denke, diese Strahlung ist nicht natürlichen Ursprungs. Wenn meine Messwerte stimmen“, ergänzte der Norweger nun aufgeregt, „haben wir damit zufällig den Beweis gefunden, dass es tatsächlich anderes, intelligentes Leben, außer den Menschen, in der Milchstraße gibt.“

Koschkin schwieg. Er konnte sich noch eine weitere Möglichkeit vorstellen. Vielleicht hatten sie auch eines der anderen Siriusschiffe gefunden, die verschollen waren. Dass sie das siebte Hyperraumschiff der Erde waren, das sich so weit in die Tiefe des Alls begeben hatte, wusste nur er. Alle vorangegangenen Missionen waren streng geheim gewesen. Genau wie die, auf der sie sich gerade befanden. Kacke, dachte Koschkin.

„Gut“, entgegnete er laut. „Bestimme die Position der Energiesignale und leite sie an Hiriko weiter, damit sie sie anpeilen kann.“ Ein Seitenblick zu seiner Copilotin, die knapp nicken, dann wechselte er den Kanal und funkte den Maschinenraum an: „Ashley, was ist jetzt mit dem Hyperantrieb?“

„Hetz mich nicht!“, kam die prompte Antwort. „Der Hyperraumantrieb ist immer noch am Auslaufen.“

„Wie lange noch?“

„Bist heut ein ungeduldiges Katerchen, wie? Dieses Maschinchen faltet Raum und Zeit wie ein Origamimeister. Das geht nicht so schnell.“

„Ashley“, mahnte Boris grollend.

Sie schnaufte genervt. „Wenn du unbedingt sofort eine Einschätzung haben willst, bitte sehr, aber beschwere dich nachher nicht, wenn sie ungenau ist. Vorausgesetzt, dass alle Komponenten unbeschädigt geblieben sind, wird der Antrieb in etwa einer Dreiviertelstunde wieder soweit heruntergefahren sein, dass wir mit dem Neuaufladen beginnen könnten. Einsatzbereit würde er dann etwa zwanzig Minuten später sein. Dann müssten die Maschinen die nötige Energiedichte erreicht haben, die wir für einen Sprung bis zur Erde benötigten. Ich rate aber von diesem Vorgehen ab. Ich empfehle, dass wir die Maschine erst abschalten und durchprüfen, bevor wir den Antrieb wieder hochfahren. Ist schließlich kein Katzensprung, den wir gemacht haben“, sie lachte schallend über ihr eigenes Wortspiel.

Boris verzog keine Miene.

„Scherz beiseite“, fügte sie ernster hinzu. „Das sind alles nur Schätzungen, schließlich hat die Maschine noch nie einen so weiten Sprung gemacht. Ich gehe hier von den Daten der Simulationen, den Labortestreihen und unseren Erfahrungen bei den Testsprüngen aus. Wir sollten den Antrieb gründlich durchleuchten, bevor wir uns wieder auf die Reise machen.“

„Gut, dann klär bitte solange, warum die Steuerdüsen nicht ordnungsgemäß funktionieren.“

„Natürlich funktionieren die!“, kam prompt die empörte Antwort. „Und das, obwohl du sie eben noch misshandelt hast. Wie ein grobmotorischer Grobian.“

Nun platzte Boris doch der Kragen. „Wahren Sie die Form, Bender, und folgen Sie meinen Anweisungen!“, schnauzte er in sein Mikrofon. „Das Schiff lässt sich durch die Düsen nicht steuern. Irgendetwas ist nicht in Ordnung.“

„Ich steh drauf, wenn du grob wirst“, entgegnete sie in provozierendem Ton. „Ich will mal sehen, was Sache ist.“

Boris verzichtete auf eine Erwiderung. Er vermied es auch, seine Kopilotin anzusehen. Er konnte sich gut vorstellen, wie ihre dunklen Augen amüsiert funkelten, während sie diese Unterhaltung mithörte. Tanaka war die Einzige in der Mannschaft, die wusste, warum Koschkin sich das Verhalten von Ashley wirklich gefallen ließ.

Hiriko sagte nichts und schien sich auf ihre eigenen Aufgaben zu konzentrieren. Aber das schüchterne Lächeln, welches ihre dünnen Lippen nur sehr selten umspielte, hatte Boris Gedankengänge bestätigt.

Doch bevor sich das zaghafte Lächeln noch in ein echtes Grinsen verwandeln konnte, verschwand es wieder und wich konzentriertem Ernst. „Wir empfangen Funksignale. Ich kann sie nicht entschlüsseln und sie sind schwach, aber es sind definitiv Funksignale.“

Boris Stimme bebte nur unmerklich, als er erwiderte: „Versuch die Verschlüsselungscodes aus der Deltadatenbank.“

„Keine Übereinstimmung“, meldete die Japanerin nur Sekunden später. „Ich glaube, dass die Signale gar nicht verschlüsselt sind. Vielmehr scheinen unsere Geräte einfach nicht die richtige Frequenz zu besitzen. Ich werde das einmal testen.“ Hiriko machte sich fieberhaft an die Arbeit. Boris blieb hingegen keine Zeit, die ständig eingehenden Informationen zu überdenken, denn der Schiffsarzt meldete sich wieder per Intercom.

„Schlechte Nachrichten, Boris“, sagte er. „Das Biogensystem wird erst einmal offline bleiben. Die Selbstvernetzung des Gels hat zwar bereits wieder eingesetzt, aber es wird Tage dauern, bis das System wieder genügend Verknüpfungen aufweist, um eingesetzt werden zu können. Ob die Reorganisation des Gels die Funktionsfähigkeit beeinflussen wird, kann ich noch nicht sagen.“

Koschkin stöhnte gequält. „Danke, Doktor“, sagte er dann. „Halten Sie mich auf dem Laufenden.“

Gäbe es nicht diese seltsame Anomalie, wären die ganzen Probleme mit seinem Schiff halb so wild. Er vertraute den Fähigkeiten seiner Mannschaft und war sich sicher, dass sie mit genügend Zeit alles in den Griff bekommen würden, wenn sie nicht geradewegs in dieses ominöse Phänomen stürzen würden.

„Sven, kann uns die Anomalie gefährlich werden? Was meinst du?“

„Das ist eine knifflige Frage, Kommandant. Da sie mit nichts, was wir kennen, vergleichbar ist und unsere Geräte sie nur indirekt erfassen können, kann ich keine fundierte Aussage treffen. Momentan sind wir, meiner Meinung nach, aber nicht in direkter Gefahr.“

„Danke“, sagte Boris und wandte sich wieder seinen Instrumenten zu. Im Moment konnte er nur abwarten. Darum beschloss er, die bisherigen Ergebnisse seiner Blackbox hinzuzufügen. Die Blackbox war eigentlich ein altertümliches Relikt. In den vergangenen Jahrhunderten hatte jeder Flugkörper ein solches Aufzeichnungsgerät an Bord gehabt, wusste der Russe.

Damals waren es noch einfache Datensicherungssysteme gewesen, die eine Auswertung der Flugdaten nach Abstürzen ermöglichten. Diese Aufgabe erfüllten heute andere Notfallsysteme, so wie auch in der Sirius. Koschkins Blackbox war nicht nur ein Speichermedium für Flugdaten. Er war ein Minisupercomputer mit der neusten Sicherheitstechnik. Der nur fünfzehn Zentimeter große Würfel war in mattem Schwarz gehalten. Seine Oberfläche reflektierte rein gar nichts und er war mit keiner technischen Methode aufzuspüren, die die Menschheit kannte.

Koschkin wusste nur, dass sich die Blackbox nur dann zu erkennen gab, wenn man das Sicherheitsprofil des Würfels kannte und den richtigen Code auf der richtigen Frequenz sendete. Oder wenn man Koschkin war. Dafür hatte er zwei Tage in einem Hochsicherheitskrankenhaus zugebracht, damit die Wissenschaftler den Würfel auf ihn eichen konnten. Er startete das Zugangsprogramm, indem er auf eine ganz bestimmte Weise atmete und den Würfel dabei in der Hand hielt. Auf seinem Monitor erschien die Meldung:

Sicherheitsverbindung online … Hallo, Kommandant Koschkin … Bereit für Eingabe …

Die Verbindung stand. Koschkin legte die gesammelten Sprungdaten als Datensatz ab und sprach einen kurzen Bericht der bisherigen Geschehnisse, die er dem Datensatz hinzufügte. Die gesammelten Daten von Sven und Hiriko speicherte er ebenfalls.

Nachdem er die Aktivierungsroutine wiederholt hatte und die Blackbox wieder offline war, wartete er. Ashley meldete sich kurze Zeit später und erklärte, dass die Steuerdüsen alle ordnungsgemäß arbeiten würden. Ein weiterer Versuch, das Schiff zu wenden und die Haupttriebwerke einzusetzen, blieb jedoch wieder ohne Erfolg. Koschkin spürte, wie Frustration in ihm aufstieg. Fast war es so, als hielt eine eiserne Faust sein Schiff fest in der Umklammerung.

„Hiriko, was macht das Signal?“, fragte er seine Kopilotin, um sich abzulenken.

„Es ist immer noch da“, gab sie zurück. „Ich habe unsere Frequenz so angepasst, dass sie im Ultraschallbereich liegt. Dadurch ist es mir gelungen, das Signal aufzufangen. Ich kann es dekodieren, aber ich glaube, dass es sich um ein automatisches Signal handeln. Die Sendeintervalle wiederholen sich alle zwei Minuten. Ich denke, dass wir tatsächlich auf Aliens oder wenigstens auf ihre Technologie gestoßen sind.“

„Vielleicht hat das, was die Signale aussendet, ja etwas mit unseren Steuerproblemen zu tun“, entgegnete Koschkin nachdenklich. „Reicht die Länge der Intervalle aus, um die Übersetzungsautomatik einzusetzen?“

Hiriko schüttelte den Kopf. „Zu wenig Informationen für die Automatik“, erläuterte sie knapp.

In dem Moment meldete sich Sven über das Intercom.

„Kommandant“, erklang seine Stimme aufgeregt, „ich habe ein Objekt erfasst, von dem die Energie und die Funksignale ausgehen. Haben Sie Ihren Schirm auf die Bugkameras geschaltet? Das Objekt befindet sich noch etwa neunhunderttausend Kilometer vor uns, sollte mit maximaler Vergrößerung aber bereits erkennbar sein. Von der Größe her, glaube ich, dass es sich nicht um ein Schiff oder eine Station handelt, wohl eher eine Art Funkboje.“

Sven redete noch, als Boris zurück auf die Kamerasicht schaltete und den Ausschnitt nach den Angaben vergrößerte, die Sven ihm auf sein Display geschickt hatte. Dann sah er es auch. Ein rundes Gebilde, das zwei längliche Auswüchse auf entgegengesetzten Seiten aufwies. Koschkin musste unwillkürlich an einen Apfel denken, durch den jemand einen ungespitzten Bleistift getrieben hatte.

Die Instrumente zeigten ihm, dass die Kugel nicht mehr als zehn Meter im Durchmesser maß. Die beiden Auswüchse hingegen, ragten etwa dreißig Meter in den Raum hinaus. Boris schätzte, dass die Auswüchse selbst nicht dicker als eineinhalb Meter waren.

„Hast du dich wieder eingekriegt?“, quäkte Ashleys Stimme aus der Intercom-Anlage. „Ich wollte nur Bescheid geben, dass der Hyperantrieb in ein paar Minuten so weit wäre, dass er wieder aufgeladen werden kann. Das Restfeld hat sich fast völlig aufgelöst und die Maschinen sind nun kühl genug.“

„Gut, mach das“, entgegnete er abwesend.

„Außerdem wäre es fantastisch, wenn du mal sagen würdest, was eigentlich los ist“, hakte sie nach. Erst jetzt erinnerte sich Boris daran, dass die bisherige Kommunikation im Schiff natürlich nicht von allen mitverfolgt werden konnte. Er schaltete das Intercom auf schiffweite Durchsage und umriss in knappen Worten die bisherige Lage.

Gerade als er geendet hatte, ging ein Ruck durch das Schiff. Boris war sofort alarmiert. Er checkte seine Anzeigen, konnte aber keinen Grund für den Schlag feststellen. Doch dann spürte er die Vibrationen. Da hatte er einen Geistesblitz. Was wäre, wenn … Er schaltete zurück zu Ashley.

„Hast du gerade irgendetwas aktiviert?“, fragte er fiebrig.

„Klar, mein Dicker“, gab sie zurück. „Wie mein Miezekätzchen gewünscht hat, habe ich damit begonnen, den Hyperraumantrieb wieder zu laden, damit wir …“

„Abbrechen!“, schrie Boris so laut in sein Mikrofon, dass sich seine Stimme zu überschlagen drohte. „Sofort abbrechen!“

„Was denn nun? Kannst du dich mal …“ Wieder fuhr er ihr ins Wort:

„Fahr das Ding sofort wieder runter und spar dir deine Kommentare! Das ist ein Befehl.“

Das Intercom schwieg und die Vibrationen erstarben Sekunden später.

„Erledigt“, meldete sich Ashley knapp.

An ihrer Stimme merkte Boris, dass sie beleidigt war. Damit konnte er sich im Moment aber nicht beschäftigen.

„Sag Bescheid, wenn das Hyperfeld wieder vollständig abgebaut ist“, befahl er und wandte sich an Sven. „Gib mir das Bewegungsprofil des Schiffes seit unserem Wiedereintritt auf den Schirm und halte dich bereit.“ Einige Sekunden später erschienen ein Graph und einige Zahlenkolonnen auf seinem Schirm. „Ashley, gib mir die Betriebs- und Felddaten des Hyperraumantriebs seit unserem Sprung und warte auf neue Anweisungen.“

Anstelle einer weiteren schnippischen Bemerkung, erschienen kurze Zeit später auch ihre Daten auf seinem Display. Er synchronisierte die beiden Datensätze und studierte sie eine Weile. Dann sah er seinen Verdacht bestätigt. Mit einigen Handbewegungen sendete er die synchronisierten Daten an Sven zurück und schaltete per Intercom wieder zu ihm durch.

„Überprüf die Daten, die ich dir gerade geschickt habe, und sag mir, was du denkst.“ Dann wechselte er wieder zum Maschinenraum. „Was macht das Hyperraumfeld?“

„Fast aufgelöst“, entgegnete Ashley frostig. „Wenn es vollständig zerfallen ist, erhalten Sie eine Meldung. Wie Sie befohlen haben.“

„Was hast du entdeckt?“, wollte Hiriko wissen.

„Ich denke, ich weiß jetzt, was uns festgehalten und auf die Anomalie zugezogen hat“, erwiderte Boris nachdenklich und fluchte innerlich. „Unser eigenes Hyperraumfeld scheint in Wechselwirkung mit der Anomalie zu treten. Wenn Sven mit seinen Berechnungen soweit ist, werden wir mehr wissen. Oberflächlich bestätigen die Daten von Sven und Ashley meine Vermutung. Wenn das Feld wieder vollständig abgebaut ist, werde ich noch einmal versuchen, das Schiff mit den Steuerdüsen zu manövrieren. Wenn es gelingt, können wir uns fürs Erste um diese Alienstation und ihr Signal kümmern. Ich hoffe, dass Sven uns sagen kann, wie weit wir uns von der Anomalie entfernen müssen, um nicht mehr mit ihr in Wechselwirkung zu geraten.“

„Hyperfeld aufgelöst“, meldete Ashley in diesem Moment und Boris begann ohne weitere Erklärung mit seinem Versuch, die Flugrichtung des Schiffes zu verändern.

Zu seiner großen Freude reagierte der Flugkörper dieses Mal auf die Steuerdüsen und änderte seine Flugbahn. Boris bremste das Schiff und steuerte es näher an die fremde Funkstation, die störrisch immer wieder die gleiche Signalfolge sendete.

Als sie sich auf etwa einhundert Meter angenähert hatten, brachte er das Schiff auf eine parallele Flugbahn und passte ihre Geschwindigkeit der kleinen Station an. Boris vergrößerte das Bild des Gebildes auf seinem Monitor und betrachtete es.

„Es scheint keine Schleuse oder etwas in der Art zu geben“, stellte er fest. „Wenn wir uns die Raumboje genauer ansehen wollen, muss einer von uns hinüber. Was meinst du, Hiriko? Lust auf einen kleinen Ausflug?“

Hiriko nickte und löste ihren Gurt, der sie bisher auf ihrem Sitz fixiert hatte. „Bin schon auf dem Weg“, sagte sie, stieß sich ab und schwebte zur Cockpitschleuse.

Boris machte eine weitere Schiffsdurchsage, um seine Mannschaft auf den neusten Stand zu bringen. Dann schloss er die Augen und wartete.

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